Eins werden, mit der Natur
Seit einem Klettersportunfall im Jahre 1990 sitzt Axel Alver-mann im Rollstuhl. Jahrelang musste er auf die Naturerleb-nisse vergangener Tage schweren Herzens verzichten. Vor zehn Jahren entschied er sich dann für das Kanufahren als neues Hobby und ist seitdem begeisterter Wassersportler. HANDICAP-Autor Fred-Oluf Rheinschmidt hat ihn im rhein-land-pfälzischen Speyer besucht.


Der älteste heute noch bestehende Kanuverein in Deutschland wurde schon im Jahre 1905 in Hamburg unter dem Namen Alster-Canoe-Club gegründet. Rund 600 Kilometer weiter südlich wohnt Axel Alvermann in der Domstadt Speyer am Rhein. Die Gegend kann man getrost als Paradies für Wasser-sportler bezeichnen, gibt es dort doch zahlreiche Altrheinarme und Seen. „Ich habe mich schon seit meiner Jugend fürs Kanufahren interessiert. Im Boot kann man die Natur nämlich aus einer ganz anderen Perspektive kennen lernen“, erzählt der 42-jäh-rige gelernte Goldschmied und Familienvater. „Der Freund meiner Mutter hatte einen Kanadier und nahm mich sehr oft mit aufs Was-ser“. Mit „Kanadier“ ist natürlich nicht ein Einwohner des Landes in Nordamerika, sondern ein Boot gemeint. In Deutschland gilt die Bezeichnung Kanu seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Oberbegriff für alle Wassersportgeräte, die mit Paddeln in Blickrich-tung bewegt werden. Die wesentlichen Gattungen sind dabei Kajaks und Kanadier.Auf dem Wasser sind alle gleichVor seinem Kletterunfall war Axel Alvermann oft wochenlang in den Bergen unterwegs. Bei seinen Hochgebirgswanderungen schätzte er neben den imposanten Eindrücken der jeweiligen Landschaft vor allem die Stille mitten in der Natur. Jetzt sitzt er zwar im Rollstuhl, fand aber eine Möglichkeit, wie er trotz-dem der Natur wieder näher kommen kann: Er hat ein-fach seine Touren auf das Wasser verlegt. Als Fußgän-ger hat man ungezählte Möglichkeiten, die Natur zu erleben. Sitzt man aber im Rollstuhl, stößt man ganz schnell an seine Grenzen. „Wenn ich beispielsweise in einem Naturschutzgebiet unterwegs bin und ein Baum liegt quer auf meinem Weg, dann ist spätestens dort Endstation. Für mich ist deshalb das Naturerleb-nis mit dem Kanu so unglaublich intensiv“, sagt Alver-mann. „Und was mich am meisten fasziniert: Auf dem Wasser sind alle gleich. Da braucht man keine Beine.“ Mindestens genauso wichtig findet er beim Kanusport auch das große Gemeinschaftsgefühl der Kanuten untereinander. „Hier hilft noch jeder jedem.“
Wie funktioniert’s?Alleine auf sich gestellt kann man so ein Hobby natür-lich nicht ausüben, da geht nichts ohne Hilfe. Das fängt schon damit an, das Kanu aufs Autodach zu bekommen und auch wieder abzuladen. „Liegt das Kanu dann im Wasser, suche ich mir eine möglichst flache Stelle zum Einsteigen aus. Dorthin muss ich auch wieder zurückkehren. Ein Strand, eine Uferbö-schung oder auch mal ein Steg sind gut geeignet. Ich habe manchmal auch eine Bierbank dabei, die nehme ich als Einstiegshilfe am liebsten. Und danach erfüllt sie auch noch ihren eigentlichen Zweck“, erzählt Axel Alvermann lachend. Spricht’s, zieht sich Schuhe und Strümpfe aus und demonstriert sogleich das Einstei-gen. Er rutscht auf dem Hintern Stück für Stück die Bank entlang, bis er im Kanu sitzt. Ehefrau Andrea hält „Fahren mit dem Kanu ist eine wahnsinnig schöne Fortbewe-gungsart. Aber man sollte als Rollstuhlfahrer nicht unbedingt alleine etwas unternehmen. Aus Sicherheitsgründen und weil man auch Hilfe braucht, sollten immer der Partner oder Freunde mit dabei sein. Noch besser ist natürlich, man tritt einem Kanu-verein bei. Den gibt es eigentlich in jeder Stadt, die ein größeres Gewässer hat. Und die Vereinsmit-glieder haben in der Regel auch keinerlei Berührungsängste und sind sehr hilfsbereit. Besonders wichtig beim Kanufahren ist die eigene Sitzsicherheit. Man muss schon seinen Oberkörper stabilisieren kön-nen, um beispielsweise das Kanu zu drehen oder zu wenden. Wenn das nicht geht, sollte man eine Begleitperson mit im Boot haben, die einem dabei hilft. Ich war das erste Mal im Kanu auch ziemlich unsi-cher, mir hat deshalb meine Frau geholfen. Auch bei den Ausfahrten ist es am Anfang ratsam, wenn noch jemand mitfährt. Was das Ein- und Aussteigen angeht, da sollte jeder selbst ausprobieren, wie es am einfachsten funktioniert. Es gibt beispielsweise auch Einstiegshil-fen, die man am Kanu einhaken kann. Und sitzt man erstmal drin, ist es allemal ein Wahnsinnsgefühl!“Tipps für Einsteiger von Axel AlvermannIn einem Boot: Axel Alvermann mit Ehefrau Andrea und Töchterchen AmeliePraktische Einstiegshilfe: Die Bierbank
HANDICAP 1/2009Mobil & Aktiv /Wassersport54inzwischen das Boot fest. Das dreijährige Töchterchen Amelie will natürlich auch mit Papa Boot fahren und scheint – im Gegensatz zu ihrem kleinen Hund – kei-nerlei Angst vor dem Wasser zu haben. „Gefährlich wird’s auf ruhigem Gewässer eigentlich nicht. Und sollte ich mal ins Wasser fallen, habe ich als Parapl
nzwischen das Boot fest. Das dreijährige Töchterchen Amelie will natürlich auch mit Papa Boot fahren und scheint – im Gegensatz zu ihrem kleinen Hund – kei-nerlei Angst vor dem Wasser zu haben. „Gefährlich wird’s auf ruhigem Gewässer eigentlich nicht. Und sollte ich mal ins Wasser fallen, habe ich als Paraple-giker gut trainierte Oberarme und kann auch ganz gut schwimmen“, erklärt Alvermann.Wanderungen mit dem KanuEin Kanu ist das ideale Fortbewegungsmittel für län-gere Strecken. Hier kann man es bei so genannten Kanuwanderungen auf meist stillen Gewässern her-vorragend einsetzen. Das wollte Axel Alvermann 1999 selbst ausprobieren und fuhr mit Ehefrau Andrea nach Polen an die Masurische Seenplatte. Dort gibt es tau-sende von Seen, der größte davon misst knapp 114 Quadratkilometer Fläche – das Paradies auf Erden für alle Wassersportler. So hat es auch der Rheinland-Pfälzer damals erlebt: „Das Boot gehört einfach zu Masuren dazu. Dort kann man praktisch an jedem Kiosk ein Kanu ausleihen. Die wild-romantische Gegend ist wunderschön. Es gibt viele Biwakplätze, die meisten davon mit Dusche, Zeltplatz und Grill-stelle. Der einzige Nachteil sind die fehlenden Behin-dertentoiletten. Aber da tut sich was.“ Für ihn war die-ser Urlaub in Masuren auch der Grund, sich endlich ein eigenes Kanu anzuschaffen. In letzter Zeit kam er zwar nicht so oft zum Kanufahren, aber das will Alver-mann wieder ändern. „Mein Sohn Amon ist jetzt sie-ben und kann inzwischen ganz gut schwimmen. Dem-nächst will ich mal mit ihm zusammen aufs Wasser.“ Hat er noch andere Wünsche offen? Am liebsten würde er mal mit der ganzen Familie eine ausgedehnte Kanu-wanderung machen und dabei die Mecklenburger Seenplatte erkunden. Oder noch ein Mal nach Masu-ren fahren. Seen gibt’s dort ja genügend. „Und da die Gegend dort topfeben ist, kommt man auch mit dem Rollstuhl sehr gut zurecht.“Text und Fotos: Fred-Oluf RheinschmidtAuskünfte zu den handgearbeiteten Kanus sowie zum speziellen Zubehör gibt es im Internet unter: www.dorsch-holzdesign.de
Es ist fünf Meter lang, 90 Zentimeter breit und wiegt je nach Bauweise gerade Mal zwischen elf und 25 Kilogramm. Und es ist alles Handarbeit. Ein Hauch von Wildwest, hergestellt in einer Schreinerei im rheinland-pfälzischen Speyer.Jedes Mal, wenn Jürgen Dorsch ein Boot sieht, dann kribbelt es ihn in den Fingern. Dann will er es genauer ansehen. Will wissen, wie es gebaut ist. Der gelernte Schrei-nermeister aus Speyer baut seit 1995 Boote in Handarbeit. Die Materialien sind extrem leicht. Das gesamte Kanu wird in Ske-lettbauweise hergestellt. Die Außenwände werden auf Wunsch entweder aus Holz oder aus demselben Nylonstoff aufgezo-gen, aus dem früher die schusssicheren Westen der Polizei gefertigt wurden. Für die Spanten verwendet Dorsch haupt-sächlich das stabile und sehr leichte Holz der Weymouths-Kiefer oder Rote Zeder. Das Kanu besitzt fast keine metal-lischen Verbindungen und ist deshalb leicht mit einer Hand zu transportieren. Das Kanu-Programm von Dorsch umfasst Kom-plettboote, aber auch Bausätze samt Workshops zum Selber-bauen. Frankreich, Italien, Schweden – seine Kunden kommen aus ganz Europa. Auch in Kanada ist man inzwischen auf die schnittigen Kanus aus Speyer aufmerksam geworden. „Mein letztes Boot habe ich gerade nach Irland verkauft. Aber die meisten meiner Boote habe ich bisher nach Süddeutschland geliefert“, erzählt Jürgen Dorsch. „Vor kurzem habe ich sogar eine Anfrage vom Olympia-Stütz-punkt Mannheim-Sandhofen erhalten. Dort trainierte Birgit Fischer. Ich verkaufe mein Know-How, wie man alte Wett-kampfboote restauriert und repariert.“ Demnächst erweitert Dorsch sein Kanu-Programm und will künftig auch Segelboote und Ruderboote herstellen. Für Rollstuhlfahrer wie Axel Alver-mann gibt es bei Dorsch umfangreiches Kanu-Zubehör. Dazu gehören beispielsweise Einstiegshilfen und Stützkeile, Rückenpolster und Rückenlehnen, Kniematten, Kniegurte zur Befestigung mit Schnellverschluss sowie maßgefertigte Pad-del mit Extragriffen, um nur einiges zu nennen. Und natürlich erfüllt Jürgen Dorsch auch Sonderwünsche oder nimmt Anre-gungen entgegen. Damit auf dem Wasser wirklich alle gleich sind!